Seminarablauf (Fortsetzung)

Geschichten ergründen

Der Dienstag beginnt mit einer Schreibrunde an den verschiedenen Plätzen, hier können die Teilnehmer in aller Ruhe an ihren begonnenen Texten weiterschreiben und sich dabei in Einzelgesprächen jederzeit an die Kursleiter wenden.

In der gemeinsamen Runde geht es an diesem Tag schon um die Klippen und Höhepunkte des Erzählens, in erster Linie um das Handwerk des Erzählens. Es geht aber auch schon um die Frage, wie man von den verschiedenen Anfängen weiterkommt, welches Potenzial die einzelnen Geschichten haben könnten, auf welche Höhepunkte sie zusteuern und wie sie zu einem vorläufigen Ende finden – Texte, die keineswegs rund sein müssen, aber im Kern die Elemente enthalten, die gute Geschichten ausmachen.

Die zunehmende Gruppendynamik wollen wir nicht unterschlagen, wir nehmen sie gern in Kauf, es ist Teil des Risikos, wenn acht interessante und unterschiedliche Menschen neu aufeinandertreffen. Aber auch die Krise ist Teil der Arbeit, wir sehen sie als produktiven Motor des Schreibens. Zur allgemeinen Entspannung gehen wir in eines der besten Lokale im Ort, mit einer wunderbaren Trüffelpasta und frischem Bianco di Custoza …

 

Inspiration auf dem Wasser

Am Mittwoch – nach dem Schreiben und den Arbeitsrunden – geht der ganze Kurs am späteren Nachmittag auf unser Boot, die Parlando, für eine Fahrt zu literarischen Orten. Wir umrunden die berühmte Gardaseeinsel, wo schon Dante im Exil war, und schwimmen in der Bucht von Salò.

Gegen Abend fahren wir weiter nach Gargnano, dem wohl schönsten Ort auf der Westseite des Sees, den D.H. Lawrence in seinem Buch „Italienische Dämmerung“ beschrieben hat; wir essen dort in einem Restaurant „auf“ dem Wasser, und der Tag endet mit der nächtlichen Rückfahrt (mit etwas Glück bei Vollmond und einem Bad im warmen See), vorausgesetzt, das Wetter lässt es zu.

 

Die abendliche Lesung

Der ganze Donnerstag dient der Vorbereitung auf die abendliche Lesung.

Die Texte werden nur noch in Ausschnitten vorgestellt, Schwerpunkt sind an diesem Tag Einzelgespräche mit den Kursleitern. Dabei geht es vor allen Dingen um die Frage, wie man von seinem Thema zu einer erdachten Geschichte kommt, was dabei verloren geht, was dabei gewonnen wird, die zentrale Frage: wie kann ich von mir selbst erzählen, ohne mich preiszugeben, wie kann ich die eigene Wahrheit neu erfinden und in eine Geschichte einbringen.

Am frühen Abend bereiten wir das gemeinsame Abendessen vor, wer Lust hat, kann sich am Einkaufen und Kochen beteiligen. Nach dem Abendessen, wenn es dunkel genug ist und der Wein jeden entspannt hat, beginnt unsere Nachtlesung. Das Publikum sitzt auf der einen Seite des Pools,
der Vortragende auf der anderen Seite unter zwei Olivenbäumen …

 

Literarischer Morgen

Erst in der Nüchternheit des letzten Tages, am Freitag, folgt die ausführliche Kritik der Texte, die am Vorabend alle gehört haben. Diese Kritik, die noch einmal sehr ins Detail geht, nimmt den ganzen Tag in Anspruch, wir verbinden in dieser Runde das Nachdenken jedes Einzelnen über die Gründe seines Schreibens, auch über das, was er eigentlich erzählen möchte, was sein Thema ist, auch wenn es in eine erfundene Geschichte mündet.

In der letzten Arbeitsrunde geben wir noch ausführliche und individuelle Leseempfehlungen, die jedem einzelnen bei seinem Schreiben weiterhelfen können.

Ausklang unseres Kurses ist ein festliches Abendessen in Brenzone, etwa 10 km nördlich von Torri. Wir besuchen das ausgezeichnete Fischrestaurant „Guily Bar“ unseres langjährigen Freundes und Trauzeugen Marco Bertuzzi und seinem venezianischen Koch Vittorio. Das Abschlussessen folgt einer bewährten Dramaturgie, die auch die Menuabfolge betrifft …

Ristorante Guily in Brenzone …